Detector Media ist einer der größten und ältesten Medienbeobachter der Ukraine. Seit seiner Gründung 2004 hat der Watchdog die ukrainische die ukrainischen Medien begleitet, von der Orangenen Revolution bis zum Euromaidan.

Seit Russland im Februar 2022 eine groß angelegte Invasion in der Ukraine startete, konzentriert sich das 30-köpfige Team vor allem auf die Bekämpfung der russischen Desinformation und Propaganda. Zwar war das Team bereits früher in dieser Richtung akktiv, doch gewinnt ihre Arbeit nun von Neuem an Bedeutung – die Ukraine steht vor dem größten Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg und Russland versucht, sowohl auf dem Informations- als auch auf dem tatsächlichen Schlachtfeld zu gewinnen.

The Fix sprach mit dem Chefredakteur von Detector Media, Otar Dovzhenko, über die heutige Arbeit des Onlinemediums und seine Beobachtungen über die Rolle der russischen Desinformation und Propaganda in diesem Konflikt. Außerdem sprachen wir mit Ksenia Iliuk, Analystin bei Detector Media, über das Vorgehen bei der Überprüfung von Desinformationen.

Die Interviews wurden separat voneinander auf Ukrainisch geführt, und anschließend auf Englisch und Deutsch übersetzt. Sie wurden aufgrund der Länge und Übersichtlichkeit bearbeitet und gekürzt.

Logo von Detector Media. Quelle: Detector.media

Die Arbeit von Detector Media

The Fix: Wie hat sich der Krieg auf die Arbeit von Detector Media ausgewirkt?

Otar Dovzhenko: Der Krieg hat unsere Arbeitsweise völlig verändert.

In Friedenszeiten konzentrieren wir uns auf die Medien im weitesten Sinne, von Filmkritiken bis zur Überwachung der Qualität von Medienprodukten in der Ukraine. Durch den Krieg ist ein Großteil dieser Arbeit irrelevant geworden – es gibt nur noch wenige Medienprodukte, die es zu überwachen gilt. Alle ukrainischen Fernsehsender senden Nonstop nur zu diesem Thema.

Die Überwachung und Bekämpfung russischer Propaganda gehörte zwar bereits zuvor zu unserer Arbeit, aber heute ist sie mehr denn je in den Fokus gerückt.

Insgesamt haben wir jetzt drei Arbeitsbereiche.

Der erste ist die Analyse, Systematisierung und Entlarvung russischer Desinformationen. Wir haben zum Beispiel eine täglich aktualisierte Timeline auf Ukrainisch und Englisch, in der wir die wichtigsten Fälschungen sammeln und analysieren.

Der zweite Bereich ist die Systematisierung der ukrainischen Persönlichkeiten, die die Invasion unterstützt haben. Wir nennen das “Wall Of Shame.” Glücklicherweise gibt es nicht viele Personen des öffentlichen Lebens, die Putins Invasion unterstützt haben, aber es ist wichtig, diejenigen auch zu nennen, die das getan haben. Die Seite ist sehr beliebt – Sie wurde bisher mehr als 100.000 Mal aufgerufen, was für ein Nischenmedium wie Detector Mediasehr viel ist.

Als Drittes schreiben wir noch Texte zum Filtern von Information. In den ersten Tagen des Krieges war der Informationsraum voller Müll, irrelevanten Informationen, „patriotischen Fälschungen“, die die Situation verschlimmerten. Dann stabilisierte sich die Lage etwas, und der Informationsfilter der Menschen funkionierte wieder besser.

Außerdem begannen wir, mehr Nachrichten zu veröffentlichen, die nichts mit den Medien zu tun haben – in der Ukraine gibt es im Moment nicht viele medienbezogene Nachrichten, die Menschen brauchen stattdessen allgmeine, verifizierte Informationen [about general interest news] , die in Kontext gesetzt werden.

In den ersten Tagen der Invasion haben wir, wie viele andere Medien auch, verzweifelt versucht, uns an die Kriegssituation anzupassen. Jetzt haben wir erkannt, dass der Krieg noch lange andauern könnte, und wir einen Plan B, Plan C usw. brauchen.

TF: Zu Ihrer Arbeit zur Entlarvung von Desinformation – wer ist Ihr Zielpublikum in diesem Bereich? Hat es sich im Vergleich zu Ihrem Standardpublikum [since the war started] verändert?

OD: Eigentlich haben wir gar kein Standardpublikum mehr.

Vor dem Krieg konnte ich als Chefredakteur leicht abschätzen, wie viele Aufrufe eine bestimmte Geschichte haben würde. Wir hatten ein relativ stabiles Publikum, das bestimmte Arten von Geschichten las. Jetzt hat sich die Dynamik völlig verändert.

n den ersten Tagen des Krieges stieg die Zahl der Zuschauer um ein Vielfaches. Statt 20.000 hatten wir etwa 100.000 Besucher täglich. Jetzt schwanken die Besucherzahlen wieder stärker. Während die eine wichtige Nachricht vielleicht nur 200 bis 300 Mal aufgerufen wird, wird ein aktueller Essay plötzlich 10.000 Mal aufgerufen. Das hängt auch viel davon ab, ob eine Story in den sozialen Medien viral geht.

Ich glaube, die Menschen wollen gerade keine langen Texte , sie brauchen einfache Botschaften. Deshalb schenken wir den sozialen Medien jetzt mehr Aufmerksamkeit als noch zu Friedenszeiten.

Unsere Inhalte richten sich jetzt an ein allgemeines Publikum, nicht nur an JournalistIen und Experten [as opposed to peacetime]; sie sind mit anderen Dingen beschäftigt, als Stories über die Medien zu lesen. Wir arbeiten daher daran, unsere Arbeit an die aktuellen Erfordernisse anzupassen. Wir bemühen uns, der momentanen Situation Rechnung zu tragen.

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TF: Besteht nicht die Gefahr, dass ihre Faktenchecks nur von einem gebildeten Publikum gelesen werden, das die die Falschinformationen ohnehin nicht glaubt? Wie erreichen Sie diejenigen, die tatsächlich auf Desinformationen hereinfallen?

OD: Wie gesagt, ein homogenes Publikum, das uns regelmäßig liest, haben wir bei Detector Mediaeigentlich nicht mehr.

Wir haben zum Beispiel eine Falschinfo entlarvt, in der behauptet wurde, dass Viber von den russischen Geheimdiensten gehackt worden sei. Die Meldung wurde an einem Tag 110.000 Mal aufgerufen. Das waren selbstverständlich nicht 110.000 gebildete Journalisten, sondern wohl eher 110.000 Viber-Nutzer, die sich gegenseitig unseren Beitrag geschickt haben.

Ich glaube also nicht, dass wir nur Menschen erreichen, die bereits alles über die Fakes und Desinformation wissen.

Außerdem sind in dieser Situation selbst ausgebildete, professionelle Journalisten nicht davor gefeit, Fake News anheim zu fallen. Während eines Krieges ist leider mehr oder weniger jeder anfällig dafür.

TF: Wie gehen Sie mit den sogenannten „patriotischen Fälschungen“ um? Wie gehen Sie mit pro-ukrainischen Falschinformationen um, die die Menschen aufmuntern sollen?

OD: Wir hatten eine schwierige Diskussion über dieses Thema in unserer Redaktion…

Zunächst einmal sind einige Falschinformationen keine wirklichen Fake News, sondern eher Anekdoten, Urban Legends – wie „Zwei Gopniks kapern russischen Panzer“ oder „Frau schießt Drohne mit Tomatendose ab“. Sich damit aufzuhalten, hat keinen Sinn.

Bei ernsthafteren Desinformationen, die von der ukrainischen Seite kommen, ist unser Ansatz folgender: Wir entlarven während des Krieges nicht aktiv pro-ukrainische Fälschungen, um der Ukraine nicht zu schaden. Allerdings helfen wir auch nicht dabei, sie zu verbreiten. Wir können Widerlegungen verbreiten, wenn sie aus offiziellen Quellen stammen, und wir empfehlen allen aus der Branche, keine Falschinformationen zu erfinden.


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Russische Propaganda und Desinformation seit der Invasion

TF: Viele Analysten sind der Meinung, dass die Ukraine den Informationskrieg gewinnen wird. Sie haben gar geschrieben, dass „die russische Propaganda total in die Hose gegangen ist“. Warum glauben Sie ist das so? Warum ist die russische Propaganda so wirkungslos oder zumindest nicht so effektiv, wie alle befürchtet hatten?

OD: Zunächst hat die ukrainische Regierung viel dafür getan, die ukrainische Medienlandschaft von russischer Propaganda zu befreien.

Im Jahr 2014 wurden russische Kanäle blockiert. 2017 wurden die russischen sozialen Netzwerke blockiert [VK and Odnoklassniki] . 2021 hat die Regierung die von [the pro-Russian Ukrainian politician] Viktor Medwedtschuk kontrollierten Kanäle und andere prorussische Ressourcen blockiert.

Im Ergebnis gibt es in der Ukraine praktisch keine prorussischen Medien mehr. Das ist sehr wichtig, denn sonst hätten diese Kanäle jetzt , [during the war], ein treues Publikum, würden Putins Propaganda ausstrahlen und in der ukrainischen Gesellschaft Schaden anrichten.

Natürlich kann man sie trotzdem finden, wenn man auf YouTube sucht oder einen VPN benutzt, aber ansonsten sind sie praktisch nicht mehr verfügbar. Das bedeutet, dass die russische Propaganda nur unter dem Radar verbreitet werden kann.

Der nächste wichtige Punkt ist, dass es den ukrainischen Medien gelungen ist, sich zusammenzuschließen. Das grenz wirklich an ein Wunder. Die Idee, sich auf eine gemeinsame TV-Übertragung zu einigen, die Sendezeit aufzuteilen und mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, war genial. [Andernfalls wäre es zu einer unnötigen Verdoppelung der Informationen gekommen].

Und zu guter Letzt bleibt anzumerken, dass die Russen keine Ahnung von der Ukraine haben. Ich habe den Eindruck, dass sie sich auf Bücher aus der Sowjetzeit verlassen haben, um zu verstehen, was die Ukraine ist und wie sie lebt. Die Fakes, mit denen sie versucht haben, die Ukrainer zu beeinflussen, sind überhaupt nicht haltbar.

Außerdem haben sie [the Kremlin] in der Ukraine nicht so viele Unterstützer gefunden, wie sie gehofft hatten. Sie hatten geglaubt, dass sie in jeder Stadt mit Blumen begrüßt werden würden, aber, was sie bekamen, war das Gegenteil. Politiker, die als pro-russisch galten, sagten den Russen, sie sollten sich selbst ficken, und Medien, die zuvor als pro-russisch galten, werden entweder pro-ukrainisch oder schweigen zum Thema.

Ja, Russland sorgt für Unsicherheit, und manchmal zeigen seine Kampagnen Wirkung, aber seine Propaganda schafft es nicht, die Ukraine zu vereinnahmen.

TF: Es heißt, dass die russische Propaganda auch im Westen gescheitert ist. Gibt es in ihren Augen weitere Faktoren, die dafür sorgen, dass sie auch in anderen westlichen Ländern keinen Anklang finden?

OD: Ich denke, aus westlicher Sicht ist es ohnehin ziemlich schwer, eine Legitimation für Russlands Einmarsch in die Ukraine zu finden. Man hat es zwar versucht, aber die russische Propaganda ist überfinanziert und aufgeblasen.

Zum Beispiel ist die Reichweite von RT mit nur 0,6% Zuschaueranteil sehr [small]. Sie erreichen die Menschen deshalb nicht, weil das westliche Publikum nicht daran interessiert ist, die russische Sichtweise zu erfahren. Es hat seine eigenen Sorgen und Prioritäten.

Außerdem haben sich die meisten westlichen Länder glücklicherweise dazu entschlossen, all diese Propagandasender zu verbieten.

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Eine größere Bedrohung sind jetzt nicht die pro-russischen Medien, sondern lokale Aktivisten, die der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland skeptisch gegenüberstehen. Aber ich denke, dass es für solche Meinungen aktuell schwer ist, sich durchzusetzen. Die ganze Welt steht an der Seite der Ukraine und der Westen ist klug genug, um zu verstehen, dass für ihn vieles von diesem Krieg abhängt.

TF: Auf Detector Media gibt es auch einen Artikel mit dem Namen „Die dümmsten russischen Fakes“. Ist Ihnen auch irgendwo das Gegenteil begegnet? Gibt es auch gut gemachte, wirkungsvolle Fakes [from Russia] ?

OD: Ehrlich gesagt kann ich mich nicht an solche erinnern.

In einigen Fällen sind sie aber ziemlich effektiv darin, ukrainische Manipulationen in den westlichen Medien zu widerlegen. Als zum Beispiel eine russische Rakete in einen Fernsehturm in Kiew einschlug, versuchte die Ukraine, die Behauptung zu verbreiten, die Rakete habe Babyn Yar [Holocaust Memorial] getroffen. Tatsächlich schlug die Rakete in der Nähe von Babyn Yar ein, aber nicht in Babyn Yar selbst. Die Russen griffen diesen Umstand schnell und gezielt auf.

Alles in allem sind ihre Fakes, so wirkungsvoll sie auch sein mögen, ein echter Game-Changer, auch wenn sie erstmal Schaden anrichten.

Selbst Russen finden einige der Fakes vollkommen abwegig – wie etwa die Nutzung von „Bandera-Autos“ durch ukrainische Nationalisten, oder die Behauptung, dass die Ukraine ihre eigenen Städte einkesseln und bombardieren würde. Vielleicht glauben einige in Russland daran, aber ich denke, das ist selbst für die verrücktesten Russen zu viel. Sie könnten sagen, dass sie daran glauben, weil es ihr Weltbild bestätigt, aber dann ist das ihr Problem.

TF: Verstehen Sie die Kernbotschaften der russischen Propaganda? Was versuchen sie zu propagieren, wie erklären sie die Invasion?

OD: Sie haben unterschiedliche Botschaften je nach Zielgruppe.

Für das ukrainische Publikum lautet die Hauptbotschaft: Je früher ihr aufgebt, desto weniger Opfer wird es geben. Sie versuchen, die Schuld an der Zerstörung und den Opfern auf die ukrainische Regierung zu schieben, die sich nicht sofort ergeben will und es wagt, sich zu verteidigen. Ich nenne das: „Wie kannst du es wagen, dich zu verteidigen?“

Der Ansatz der Russen lautet also: „Der Krieg war unvermeidlich, und die einzig angemessene Antwort der Ukraine ist die sofortige Kapitulation zur Vermeidung von weiteren Gefahren für die eigene Bevölkerung.“

Vielleicht sind einige Zielgruppen in der Ukraine für diese Botschaft empfänglich; ich denke, dass Menschen, die in Bunkern sitzen und um ihr Leben fürchten, sich mit folgendem Gedanken anfreunden könnten: „Lassen wir es gut sein, Unfreiheit und Besatzung sind besser als das hier.“ Aber die meisten Ukrainer befinden sich nicht in einer solchen Lage.

Im Westen ist der Nationalsozialismus das Top-Thema der russischen Propaganda. Man setzt auf die Botschaft, dass man gegen Nazis kämpfen würde, dass die Ukrainer Nazis seien. Zweitens ist eine weit verbreitete Botschaft, dass wir [the Russians] jetzt das mit den ukrainischen Städten machen, was die Ukraine [since 2014] mit dem Donbas macht. Der Westen versteht nicht wirklich, was der Donbas ist und wer dort was getan hat, daher ist diese Botschaft schwer zu dekonstruieren.

Für das russische Publikum schaffen sie einfach eine virtuelle Realität, die nicht auf realen Ereignissen und Fakten fußt. Die Botschaft lautet: „Die Entmilitarisierung der Ukraine ist fast abgeschlossen, die ukrainische Armee leistet keinen Widerstand, die russische Armee führt eine spezielle Operation durch, um militärische Ziele zu vernichten, alles läuft nach Plan, wir haben kaum Opfer.“ Es macht quasi keinen Sinn, das widerlegen zu wollen, weil es ein virtuelles Bild ist, das losgelöst ist von jeglicher Realität.

Ich meine, eine Lüge lässt sich leichter enttarnen, wenn in ihrem Kern ein Funken Wahrheit schlummert. Aber wenn es sich um totalen Nonsens handelt, wenn eine Person in einer virtuellen Welt lebt, kann man ihr Hunderte von Fotos mit Opfern, zerstörten Panzern und zerstörten ukrainischen Städten zeigen. Es wird nicht ausreichen, um sie aus ihrer virtuellen Realität zu holen.

TF: Wie schätzen Sie die Rolle der Social Media bei der Bekämpfung der russischen Desinformation und Propaganda ein? Unternehmen diese Plattformen bereits genug oder hätten sie etwas anders machen sollen? Insbesondere Facebook und Telegram.

OD: Was Telegram anbelangt, sind die Dinge in meinen Augen klar. Pavel Durov, [Telegram’s founder and CEO], positioniert Telegram als ein Plattform für Meinungsfreiheit. Ich glaube nicht, dass es nur eine dumme Verschwörungstheorie ist, dass Telegram indirekt von russischen Geheimdiensten kontrolliert wird, und dass die Führungsriege von Telegram in diesem Fall zum Nutzen der Russen arbeitet. Telegram ist jedoch eine äußerst wichtige Informationsquelle, einschließlich wahrheitsgemäßer Informationen über die Ukrainer.

Facebook hat sich meines Wissens auf lokaler Ebene verständnisvoller gegenüber der Ukraine und den Ukrainern gezeigt und z. B. die durch russische Bots verursachten Behinderungen aufgehoben.

Insgesamt sind die sozialen Medien die wichtigste Plattform im Informationskrieg, weil die Russen keine Möglichkeit haben, andere ukrainische Medien zu beeinflussen. Sie können zwar Fernsehtürme vernichten oder versuchen, ihre Fernsehkanäle in den besetzten Gebieten auszustrahlen, aber die sozialen Medien bleiben der Knackpunkt. Hier sind die Kräfte ungleich verteilt, denn die Ukrainer beteiligen sich freiwillig und hoch motiviert an diesem Kampf, während die Russen höchstwahrscheinlich nicht in der Lage sein werden, mitzuhalten, seit Facebook in Russland blockiert worden ist.

Ob der Informationskrieg Wirkung zeigt? Er läuft augenscheinlich ziemlich chaotisch ab. Daher ist es schwer, einen Zwischenstand zu benennen. Vereinzelt kommt es zu Twitter-Shitstorms und Flashmobs. Viele Menschen schicken zum Beispiel Fotos von russischen Kriegsgefangenen und Gefallenen an ihre russischen Bekannten. . Aber auch hier gilt: Man kann nicht jeden Tag Fotos von russischen Kriegsgefangenen an die Russen schicken, die man kennt. Früher oder später wird jeder in Russland ein solches Foto erhalten haben, die kognitive Dissonanz wird zunehmen und die Kommunikation abreißen.

Jetzt, da die Russen von vielen sozialen Netzwerken ausgeschlossen sind, denke ich, dass die Auswirkung ukrainischer Posts geringer sein werden. Gleichzeitig wird das Potenzial dieser Bühne auch für die Russen geringer, weil dort keine echten Menschen mehr für sie interagieren, sondern nur Bots. Und Facebook weiß, wie man Bots erkennt und sperrt.

Faktenchecks zu russischer Desinformation

The Fix: Worauf konzentrieren Sie sich bei der Bekämpfung von Desinformation?

Ksenia Iliuk: Unsere Arbeit besteht aus zwei Teilen. Zunächst überprüfen wir alles, was wir überprüfen können, und erklären den Lesern Fakes oder Manipulationen. Außerdem zeigen wir eine Chronik der russischen Desinformation und fangen dort die wichtigsten Narrative ein.

TF: Wie viele Menschen erreichen Sie?

KI: Wir haben eine Website und Seiten in den sozialen Medien. Insgesamt sind die Zugriffszahlen für ein Nischenmedium wie das unsere höher als gewöhnlich, aber wir haben keine Gesamtstatistik.

Die Anzahl der Aufrufe auf der Website variiert stark: Einige Faktenchecks werden 30.000 bis 40.000 Mal aufgerufen, andere über 100.000 Mal.

In den sozialen Medien beobachten vor allem auf Telegram ein wachsendes Interesse – bis zu 150.000 bis 200.000 Aufrufe bei einigen Beiträgen. Das gleiche sehen wir auf TikTok: Eines unserer Videos erreichte innerhalb weniger Stunden mehrere hunderttausend Aufrufe.

TF: Wie entscheiden Sie, welche Fakes Sie bearbeiten und welche Sie ignorieren?

KI: Wir erhalten viele Anfragen von Lesern, und wir beantworten jede einzelne. Wir haben auch die sozialen Medien und andere Kanäle immer auf dem Radar.

Wir beschäftigen uns nicht mit Informationen, die direkt den Verlauf der militärischen Aktionen betreffen. Zum einen, weil wir die ukrainischen Truppen nicht in Gefahr bringen wollen, zum anderen ändert sich im Krieg die Lage ständig, sodass ein Faktencheck oft keinen Sinn macht.

Außerdem beschäftigen wir uns in der Regel nur mit Fakes, die auch wirklich in der Ukraine im Umlauf sind, um nicht unnötig die Aufmerksamkeit auf andere Falschinformatione zu lenken.

TF: Mit welchen Tools arbeiten Sie?

KI: Das erste Werkzeug für jeden Faktenchecker ist natürlich Google, insbesondere die erweiterte Suche. Inzwischen sind viele ältere Fakes im Umlauf. Manchmal finden wir so direkt heraus, dass diese bereits gecheckt wurden, zum Teil auch von uns selbst.

Bei Mediendateien überprüfen wir immer die Metadaten – sowohl mit einfachen Tools wie der Überprüfung der Dateieigenschaften als auch mithilfe spezieller Portale wie FotoForensics, Jimpl und Metadata2Go.

Aber es gibt keine standardmäßige Strategie. Wir müssen uns oft neue Skills aneignen. Manchmal muss man auch einfach nur auf die Details achten.

Zum Beispiel haben wir kürzlich ein gefälschtes Video mit einem Hakenkreuz in einem Kiewer Einkaufszentrum überprüft. Es war ein professioneller Fake, die Daten schienen in Ordnung. Allerdings fielen die Schatten falsch. Das Video konnte dadurch als Fälschung entlarvt werden.

TF: Was würden Sie ihren Lesern raten, wie sie selbst Informationen auf ihre Richtigkeit überprüfen können?

KI: Mein erster Rat wäre, den Medienkonsum auf einige wenige vertrauenswürdige Medien zu beschränken – dadurch wird man nicht nur weniger Fakes ausgesetzt, es belastet auch psychisch weniger.

Darüber hinaus: Wenn Sie eine zweifelhafte Info überprüfen wollen, würde ich folgende Strategie vorschlagen:

  1. Stellen Sie sich die Frage, weshalb eine oder mehrere Personen, diese Informationen verbreiten – was wollen sie erreichen?
  2. Wenn Sie diese Frage beantworten können, versuchen Sie, die Informationen mit Google und anderen Tools wie der Überprüfung von Metadaten zu checken.
  3. Wenn Sie dort nichts Verdächtiges finden können, überlegen Sie, ob die Info, wenn Sie weiter gestreut wird, Schaden anrichten könnte. In vielen Fällen ist der Schaden minimal. Dann ist es die Zeit nicht wert, sich damit zu beschäftigen.

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Foto: Facebook-Seite von Detector Media