Der größte Streamingdienst weltweit, Netflix, hatte Ende 2021 insgesamt 222 Millionen Abonnenten. Seinen Anlegern allerdings reicht das nicht. Sie sehen in den kommenden Monaten einen härteren Wettbewerb (Disney+, HBO Max, Amazon Prime Video und andere) und schwache Prognosen auf das Unternehmen zukommen.

In den letzten Jahren hat das Unternehmen stets Statistiken dazu veröffentlich, in welchen Teilen der Welt seine Inhalte gestreamt werden. Die UCAN-Region (USA und Kanada) ist seit Jahren die Region mit den meisten Einzelabonnenten. Ende 2021 sah es allerdings danach aus, als ob die EMEA-Region (Europa, Naher Osten und Afrika) im Jahr 2022 die größere Rolle spielen könnte.

Nach Angaben von Comparitech leben rund 90 Prozent der Abonnenten von Netflix aus der EMEA-Region in Europa. Betrachtet man den Umsatz pro einzelnem Abonnenten, wird UCAN zwar der wichtigste Markt bleiben: Andere Regionen haben aber bereits gezeigt, dass dort das größte Wachstumspotenzial schlummert.

Was hat das nun aber mit den europäischen Nachrichtenmedien zu tun?

Medienunternehmen wie Vice, Vox und BuzzFeed produzieren seit ein paar Jahren Filme und Fernsehsendungen für Streaming-Plattformen – und das recht erfolgreich. Die Unterhaltungssparte von Vox Media fährt bereits seit 2019 Gewinne ein.

Es wäre nun einfach, die ganze Idee abzutun, da es sich bei den Beispielen um globale Medienmarken handelt, die alle von zahlungskräftigen Investoren unterstützt werden (Mit Ausnahme von Buzzfeed nach deren Börsengang) und in den letzten Jahren in die digitale Videoproduktion investiert haben.

Dass der europäische Markt für Netflix zunehmend an Bedeutung gewinnt, bedeutet aber auch, dass die Region für die Konkurrenz gleichermaßen interessanter wird. Mehr Wettbewerb zieht mehr Eigenproduktionen und schließlich auch eine höhere Nachfrage nach Inhalten nach sich.

Zuwachs von Netflix-Abonnenten nach Region. Quelle: Bloomberg Terminal

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Die Ära der Dokumentarserien und die Bedeutung regionaler Inhalte

Im Frühjahr 2020 wurde Tiger King von Netflix zur ersten viralen Fernsehsendung während des Lockdowns. Innerhalb von nur einem Monat lief die siebenteilige Dokumentarserie über private Zoobesitzer und mit ihnen zusammenhängenden Mordermittlungen in 64 Millionen Haushalten. Bereits 2021 kam die Fortsetzung.

Ähnlich wie Podcasts haben auch Streaming-Plattformen Genres wie True Crime und Dokus für sich entdeckt. Parrot Analytics hatte für die Jahre 2020 und 2021 vorausgesagt, dass Dokumentationen zum am schnellsten wachsenden Genre auf Streaming-Plattformen avancieren würden.

Auf The Ringer gewährte Parrot Analytics einen genaueren Blick in seine Daten. Diese zeigten, dass True Crime nicht nur das größte Subgenre unter Dokumentationen ist, sondern auch schneller wächst als alle anderen.


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Ein weiterer Grund, warum Streaming-Plattformen Dokumentationen pushen, ist die einfache Kosten-Nutzen-Analyse – anders als bei einer Fernsehsendung mit Drehbuch oder einem Spielfilm gibt es weniger Kulissen, Kostüme, Spezialeffekte, keine Schauspieler und ein viel kleineres Produktionsteam.

Das soll natürlich nicht heißen, dass es keinen Sinn macht, auch teurere Dokumentationen zu produzieren.

Denn Dokumentarfilme werden auch in vielen Jahren noch relevant sein, sind also zeitloser als Fernsehproduktionen, die sich um ein paar Filmstars dreht, die zu der Zeit gefragt sind.

Zurück zum Anfang: Wer ist am besten darin, die spannendsten Geschichten da draußen zu finden? Nachrichtenredaktionen! Denn es ist ihr tägliches Business. Das Problem ist, dass viele sich nicht damit auskennen, wie man eine fesselnde Geschichte auch auf der Leinwand erzählt.

Einige Redaktionen ignorieren diese Einnahmequelle jedoch komplett, und das ist ziemlich schade. Für Lokalredaktionen macht es bestimmt auch mehr Sinn, ihre Einnahmen zu diversifizieren, indem sie zunächst einen Podcast oder eine Videoserie auf YouTube starten, Bücher veröffentlichen oder Veranstaltungen nur für Mitglieder anbieten.

Es ist jedoch vorstellbar, dass größere Nachrichtenredaktion, die über ein Fernsehstudio und Video-Teams verfügen, auch Stories produzieren, für die sich Streamingdienste interessieren könnten. Besonders dann, wenn sie in Europa sitzen: Denn die meisten True Crime Serien stammen bisher aus den USA.

Um das kurz zu erläutern: Ich möchte nicht die nächste Runde der Umstellung auf Videos einläuten. Meine Botschaft lautet vielmehr: Dream big! Wenn Sie sich dazu entschließen, in Ihre eigene Videoproduktion zu investieren, kann es sich angesichts der zunehmenden Bedeutung Europas für VOD-Plattformen vielleicht auszahlen.

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Die Qualität unserer Videoproduktionen

Einen Punkt möchte ich noch ansprechen. Obwohl ich hier Fakten präsentiert habe, könnten Streaming-Plattformen auch eine andere Denkweise und Strategie haben. Oder sie wären vielleicht zu einem anderen Schluss gekommen – mehr koreanische Sendungen.

Es gibt auch noch einige andere Erkenntnisse. Eine Netflix-Show anzustreben, ist wahrscheinlich eine sehr hohe Messlatte für 90 Prozent der Nachrichtenredaktionen in Europa. Aber zum Glück gibt es da auch noch YouTube.

Das Google-eigene, nutzergenerierte Videostreaming-Netzwerk zieht weltweit die meisten Zuschauer an. Wenn Sie auf Facebook bereits aktiv sind, dann sollte eine YouTube-Präsenz Ihr nächster Schritt sein.

Die meisten kleinen Nachrichtenredaktionen, die ich kenne, veröffentlichen eine Vielzahl von Videos auf ihrem YouTube-Profil – Interviews, Live-Aufnahmen von Veranstaltungen, Podcasts als Audiogramme usw. Andere setzen eher auf Regelmäßigkeit.

Wie Facebook wird auch YouTube von Algorithmen gesteuert, und selbst die besten Strategien ändern sich mit der Zeit. Sie können jeden x-beliebigen, ernstzunehmenden Youtuber fragen: Er wird es Ihnen bestätigen.

Er wird Ihnen aber auch sagen, dass es auf Konsistenz und Qualität ankommt (sowohl in Bezug auf den Inhalt als auch auf die Produktion).

Da die Creator immer professioneller werden und konkurrierende Videostreaming-Plattformen den Markt mit immer mehr Sendungen überschwemmen, wird auch die Qualität immer wichtiger.

Das heißt, auch wenn Sie nicht das Ziel haben, die nächste virale Doku-Serie für Netflix zu produzieren, wird die Messlatte für digitale Videos immer höher.

Einige Redaktionen haben bereits Verträge mit jungen YouTubern abgeschlossen. Aber es wird nicht unbedingt leichter, Talente in die Redaktion zu locken, wenn der aktuelle Markt und die verfügbaren Tools für Creator eher ihre Unabhängigkeit fördern.

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Foto von Cameron Venti auf Unsplash